Inhalt

Psychotherapie

Unter Psychotherapie wird laut Psychotherapie-Richtlinie des G-BA die Behandlung seelischer Krankheiten gefasst. Seelische Krankheit wird danach verstanden als krankhafte Störung der Wahrnehmung, des Verhaltens, der Erlebnisverarbeitung, der sozialen Beziehungen und der Körperfunktionen. Es gehört zum Wesen dieser Störungen, dass sie der willentlichen Steuerung durch die Patientin oder den Patienten nicht mehr oder nur zum Teil zugänglich sind.

In der Psychotherapie-Richtlinie legt der G-BA das Nähere zu psychotherapeutischen Verfahren und Methoden und zu den Bedingungen ihrer Anerkennung fest, sowie zum Antrags- und Gutachterverfahren, zu den Stundenkontingenten, zu den probatorischen Sitzungen sowie über Art, Umfang und Durchführung der Behandlung. Die Richtlinie dient zudem als Grundlage für Vereinbarungen, die zur Durchführung von Psychotherapie in der vertragsärztlichen Versorgung zwischen den Vertragspartnern abzuschließen sind. Im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) besteht für Versicherte Anspruch auf Kostenübernahme für die psychoanalytisch begründeten Verfahren und die Verhaltenstherapie.

Bevor weitere psychotherapeutische Verfahren oder Methoden im vertragsärztlichen Sektor Kassenleistung werden können, bewertet der G-BA, ob sie im Vergleich zu bereits zulasten der GKV zur Verfügung stehenden Verfahren und Methoden einen Nutzen haben und ob sie medizinisch notwendig und wirtschaftlich sind.

Verfahren der Psychotherapie in der ambulanten Versorgung

In der ambulanten Versorgung besteht für Versicherte Anspruch auf Kostenübernahme für die psychoanalytisch begründeten Verfahren und die Verhaltenstherapie.

Die psychoanalytisch begründeten Verfahren stellen Formen einer ätiologisch (an den Ursachen) orientierten Psychotherapie dar, die die unbewusste Psychodynamik neurotischer Störungen mit psychischer oder somatischer Symptomatik zum Gegenstand der Behandlung machen. Als psychoanalytisch begründete Psychotherapieverfahren gelten im Rahmen der Psychotherapie-Richtlinie die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und die analytische Psychotherapie.

Nach Durchführung eines Bewertungsverfahrens hat der G-BA den Nutzen und die medizinische Notwendigkeit der systemischen Therapie bei Erwachsenen als Psychotherapieverfahren anerkannt. Die Beratungen zur Anpassung der Psychotherapie-Richtlinie als Voraussetzung für den Leistungsanspruch werden voraussichtlich in 2019 abgeschlossen werden.

Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie

Die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie umfasst ätiologisch orientierte Therapieformen, mit welchen die unbewusste Psychodynamik aktuell wirksamer neurotischer Konflikte und struktureller Störungen unter Beachtung von Übertragung, Gegenübertragung und Widerstand behandelt werden. Eine Konzentration des therapeutischen Prozesses wird durch Begrenzung des Behandlungszieles, durch ein vorwiegend konfliktzentriertes Vorgehen und durch Einschränkung regressiver Prozesse angestrebt. Die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie gelangt auch in jenen Fällen zur Anwendung, in denen eine längerfristige therapeutische Beziehung erforderlich ist.

Analytische Psychotherapie

Die analytische Psychotherapie umfasst jene Therapieformen, die zusammen mit der neurotischen Symptomatik den neurotischen Konfliktstoff und die zugrundeliegende neurotische Struktur der Patientin oder des Patienten behandeln und dabei das therapeutische Geschehen mit Hilfe der Übertragungs-, Gegenübertragungs- und Widerstandsanalyse unter Nutzung regressiver Prozesse in Gang setzen und fördern.

Verhaltenstherapie

Die Verhaltenstherapie als Krankenbehandlung umfasst Therapieverfahren, die vorwiegend auf der Basis der Lern- und Sozialpsychologie entwickelt worden sind. Unter den Begriff „Verhalten“ fallen dabei beobachtbare Verhaltensweisen sowie kognitive, emotionale, motivationale und physiologische Vorgänge.

Verhaltenstherapie im Sinne der Psychotherapie-Richtlinie erfordert die Analyse der ursächlichen und aufrechterhaltenden Bedingungen des Krankheitsgeschehens (Verhaltensanalyse). Sie entwickelt ein entsprechendes Störungsmodell und eine übergeordnete Behandlungsstrategie, aus der heraus die Anwendung spezifischer Interventionen zur Erreichung definierter Therapieziele erfolgt.

Neue Psychotherapieverfahren – Bewertung

Bevor eine psychotherapeutische Behandlungsform ambulante Kassenleistung werden kann, bewertet der G-BA diese – ebenso wie andere medizinische Untersuchungs- und Behandlungsmethoden – nach einem in der Verfahrensordnung des G-BA festgelegten einheitlichen Verfahren. Überprüft wird, ob psychotherapeutische Verfahren und Methoden zur Behandlung bestimmter Erkrankungen für Patienten im Vergleich zu bereits zulasten der GKV zur Verfügung stehenden Verfahren und Methoden einen Nutzen haben und ob sie medizinisch notwendig und wirtschaftlich sind.

Für Psychotherapieverfahren gilt eine Besonderheit: Es muss nicht nur der Nutzen des Psychotherapieverfahrens durch methodisch gute Studien nachgewiesen sein, sondern die Nutzennachweise müssen auch mehrere Anwendungsbereiche der ambulanten Psychotherapie abdecken (insbesondere Depressionen und Angststörungen sowie mindestens einen weiteren Anwendungsbereich).

Die Bewertung von Psychotherapieverfahren bezieht sich daher auf alle 14 in der Psychotherapie-Richtlinie genannten Anwendungsbereiche, darunter

  • affektive Störungen,
  • Angst- und Zwangsstörungen,
  • somatoforme Störungen,
  • Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen,
  • Essstörungen,
  • Persönlichkeitsstörungen und Verhaltensstörungen sowie
  • psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen oder durch Opioide.

Hintergrund dieser Bedingung ist, dass die Zulassung eines Psychotherapieverfahrens sich immer auf alle für den ambulanten Bereich geltenden Anwendungsbereiche erstreckt. Dies ist sinnvoll, weil eine psychische Krankheit häufig nicht allein, sondern in Verbindung mit anderen psychischen Krankheiten auftritt („Komorbidität“). Die zusätzliche psychische Erkrankung kann entweder schon zu Beginn der Behandlung erkennbar sein oder erst im Laufe der Therapie zutage treten. Ein Patient, der unter einer Angststörung leidet, kann z. B. zugleich an einer Depression erkrankt sein.

Die Patientin oder der Patient, der sich an die Psychotherapeutin oder den Psychotherapeuten wendet, soll von dieser oder diesem in Bezug auf alle bei ihm diagnostizierten psychischen Erkrankungen behandelt werden können. Zugleich soll sich die Patientin oder der Patient darauf verlassen können, dass das angewendete Psychotherapieverfahren seinen Nutzen zumindest in einigen der wesentlichen Anwendungsbereiche nachgewiesen hat.