Innovationsausschuss-Projekte: Erkenntnisse zu Langzeit-Opioidtherapien, regionalen Versorgungsbedarfen und zur Entscheidungshilfe bei Kniegelenkersatz gewonnen
Berlin, 22. Mai 2026 – Der Innovationsausschuss beim Gemeinsamen Bundesausschuss schätzt die Ergebnisse von drei abgeschlossenen Versorgungsforschungsprojekten als so relevant ein, dass er sie gezielt weiterleitet. Das Projekt Op-US hat Langzeittherapien mit opioidhaltigen Schmerzmitteln bei Versicherten mit chronischen nicht-tumorbedingten Schmerzen untersucht. Auch wenn die Analysen keine Hinweise auf eine Opioidkrise wie in Nordamerika geben, lassen sich diverse Problemfelder und Verbesserungspotenzial auf verschiedenen Ebenen erkennen. Das Projekt PopGroup hat ein bevölkerungsbezogenes Klassifikationssystem entwickelt, erprobt und evaluiert. Es besteht zwar noch weiterer Entwicklungs- und Erprobungsbedarf – dennoch kann es ein zusätzliches Instrument sein, um den ambulanten und stationären morbiditätsbezogenen regionalen Versorgungsbedarf einheitlich abzuschätzen. Vom Projekt Value-basedTKR wurde eine digitale Entscheidungshilfe entwickelt und evaluiert, um die Qualität der Indikationsstellung für einen Kniegelenkersatz unter Einbezug der Patientinnen und Patienten zu erhöhen.
Op-US: Wie leitliniengerecht ist die Langzeit-Opioidtherapie bei Schmerzen?
Deutschland gehört weltweit zu den Ländern mit dem höchsten Pro-Kopfverbrauch opioidhaltiger Schmerzmittel. Sie werden vor allem bei chronischen nicht-tumorbedingten Schmerzen (CNTS) und häufig als Langzeitbehandlung (über drei Monate) eingesetzt. Die S3-Leitlinie „Langzeitanwendung von Opioiden bei CNTS“ gibt Empfehlungen, um eine unangemessene Versorgung sowie die Entstehung von Abhängigkeitserkrankungen zu verhindern.
Das Projekt Op-US hat die tatsächliche Versorgungssituation untersucht. Genutzt wurden Routinedaten von ca. 113.000 Versicherten der DAK-Gesundheit, Befragungsdaten von 661 Versicherten mit Rücken- und/oder Arthroseschmerzen sowie von 422 Leistungserbringenden. Inhaltlich standen unter anderem Fragen der Häufigkeit und Arten von Fehlversorgung, Unterschiede bezüglich der Patientencharakteristika sowie Missbrauch und Abhängigkeitserkrankungen im Fokus. Festgestellt wurde beispielsweise, dass ein Viertel der Versicherten mit Langzeit-Opioidtherapie keine Diagnosen hatten, die auf potenzielle Indikationen der S3-Leitlinie hinwiesen. Festgestellt wurden zudem Faktoren, die einer leitliniengerechten Versorgung entgegenstehen, vor allem Kapazitätsprobleme sowie qualifikationsbezogene und wirtschaftliche Aspekte. Davon ausgehend leitete das Projekt insgesamt 28 Maßnahmen ab, unter anderem in Bezug auf allgemeine Rahmenbedingungen und zum Empowerment der Versicherten. Die Ergebnisse werden an die Deutsche Schmerzgesellschaft e. V. als führende Fachgesellschaft der medizinischen S3-Leitlinie weitergeleitet. Die Deutsche Schmerzgesellschaft wird unter anderem gebeten zu prüfen, inwieweit die Erkenntnisse aus dem Projekt in die mögliche Weiterentwicklung der Leitlinie einfließen können.
PopGroup: Wie kann sektorenübergreifend der medizinische Versorgungsbedarf in einer Region ermittelt werden?
Um den krankheitsbezogenen Versorgungsbedarf der Bevölkerung in einer Region zu messen, können Klassifikationssysteme hilfreich sein. Das Projekt PopGroup hat unter Verwendung von ca. 8,8 Mio. anonymisierten Daten von BARMER-Versicherten ein solches Klassifikationssystem für den deutschen Versorgungskontext – PopGrouper – entwickelt, erprobt und evaluiert. Versicherte werden dabei anhand ihrer Diagnosen sowie anderen relevanten Merkmalen einer bestimmten „PopGroup“ zugeordnet. Erste Anwendungserfahrungen konnten in vier Bereichen gesammelt werden: sektorenübergreifende Versorgungsstrukturplanung, regionale Vergleichsanalysen, Versorgungsforschung sowie Case Management.
Auch wenn aufgrund der eingeschränkten Aussagekraft der Ergebnisse noch weiterer Entwicklungs- und Erprobungsbedarf besteht, werden sie an den Unterausschuss Bedarfsplanung des Gemeinsamen Bundesausschusses, das Institut für Qualität und Transparenz im Gesundheitswesen, das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen und die für die Krankenhausplanung zuständigen Landesbehörden zur Information weitergeleitet.
Value-basedTKR: Kann ein digitales Tool die Entscheidungsqualität der Versicherten bei empfohlenem Kniegelenkersatz erhöhen?
Das Einsetzen einer Knietotalendoprothese (Knie-TEP) gehört zu den häufigsten Eingriffen in Deutschland, die Operationsraten unterscheiden sich regional jedoch erheblich. Eine mögliche Ursache ist das Fehlen einer standardisierten Indikationsstellung für oder gegen die Knie-TEP. Das Projekt Value-basedTKR hat deshalb eine digitale Entscheidungshilfe entwickelt. Berücksichtigt werden dabei evidenz- und konsensbasierte Indikationskriterien sowie die persönlichen Erwartungen der Patientinnen und Patienten.
Bei der Evaluation konnte insgesamt ein positiver Effekt des Tools auf die Entscheidungsqualität gezeigt werden. Obwohl zusätzliche Anpassungen zur Verbesserung ausstehen und konkrete Strategien zur Implementierung fehlen, liefert das Tool einen standardisierten und leitliniengerechten Ansatz, um die Indikationsstellung für Knie-TEP zu verbessern. Deshalb wird der Innovationsausschuss die Projektergebnisse unter anderem an den Unterausschuss Qualitätssicherung des Gemeinsamen Bundesausschusses zur Information weiterleiten.
Hintergrund
Sämtliche Ergebnisberichte der bislang abgeschlossenen Projekte sowie die Beschlüsse des Innovationsausschusses sind auf der Website veröffentlicht: Beschlüsse